Spaßvogel von und zu Guttenberg

Karl-Theodor von und zu Guttenberg wurde am Montag von Horst Seehofer als neuer Bundeswirtschaftsminister vorgestellt. Das ist aber nicht Thema dieses Posts. Warum ich es dann trotzdem erwähne? Weil sich daraus ein witziges Paradebeispiel an schlecht recherchiertem Online-, Print-, Fernseh und wasweißich-Journalismus ergeben hat.

Ein Spaßvogel hat nämlich am Sonntag Abend dem Wikipedia-Artikel über den werten Herrn Guttenberg, der bereits eine stattliche Anzahl an Vornamen trägt, einen weiteren hinzugefügt, und zwar Wilhelm.

Und am Montag Morgen sind offensichtlich einige Medien darauf hereingefallen: Bild, Spiegel-Online, Handelsblatt, heute.de, rp-online, RTL, Rheinische Post, Süddeutsche Zeitung – die Liste ließe sich fortführen.

Besonders spannend ist der rekursive Quellennachweis: Der Name erscheint in Wikipedia und wird von Spiegel-Online übernommen. Als Guttenberg ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückt, wird der Wikipedia-Artikel genauer unter die Lupe genommen, ein Nutzer vermerkt auf der Diskussionsseite, dass er die Namen erst glaubt, wenn entsprechende Belege vorliegen. Der Beleg ist schnell gefunden: Es wird auf Spiegel-Online verwiesen, alle sind glücklich und zufrieden.

Bis gestern Abend ein Artikel auf bildblog.de auftaucht, in dem der Autor über diesen Scherz, der anscheinend von ihm selbst stammt, berichtet.

Spiegel-Online hat sich bereits entschuldigt, beteuert niemals Wikipedia als einzige Quelle zu verwenden und schreibt diesem Fall „besondere Umstände“, nämlich zu wenig andere Quellen (wie wäre es mit einer Mitteilung der dpa gewesen?! Diese hat den Namen vollständig und korrekt aufgeführt), zu. Aha. Weiterhin verweist SpOn darauf, dass „nahezu alle Medien“ dem Wilhelm-Scherzkeks aufsaßen.

Bin begeistert von der Argumentation. Nicht. Das ist doch in etwa „Ich hab eigentlich garnichts gemacht…und außerdem waren die andern das auch!“, oder nicht? Erinnert mich an die Rechtfertigung eines Fünfjährigen vor seinen Eltern, weil er im Kindergarten mit Sand um sich geworfen hat. Sprachlich etwas besser formuliert, inhaltlich genauso unreif.

Damit ist SpOn in meinem Ansehen mal wieder ein Stück tiefer gesunken – ich werde mir zukünftig eine andere Quelle für die täglichen News suchen müssen, allein schon aus Prinzip. In der engeren Auswahl: ZEIT-ONLINE

Anmerkung: Ich verwende Wikipedia selbst oft und gerne, aber zumindest wenn die dpa einen Artikel zum Thema mundgerecht serviert, sollte man doch erwarten, dass der Durchschnittsjournalist auf wenigstens eine weitere Quelle neben der Wikipedia zurückgreift, oder? Und wenn dieser Fehler auch noch auf der Titelseite der BILD landet, dann ists richtig peinlich.

[via Stefan Niggemeier]

~ von sputator am 11. Februar 2009.

3 Antworten to “Spaßvogel von und zu Guttenberg”

  1. Hallo Margot,

    ich bin erst gestern auf Deine Seiten gestoßen, über Veras HP. Bisher habe ich wenig gelesen, staune, was Du alles machst.

    Zu Wikipedia habe ich ein recht ambivalentes Verhältnis. Habe dort mitunter leider Fehlerhaftes gefunden. Zu der zitierten Sache mit vuz Guttenberg, naja, bei den vielen Vornamen fielen mir vielleicht auch noch ein paar ein, aber das ist dort nun mal so, und der gute KT kann ja nix dafür. – Der Spaßvogel hat sich eins ins Fäustchen gelacht. Hm, ein billiges Vergnügen. Und die Medien? Blamagen sind doch heute an der Tagesordnung. Selbst der Staatschef eines Mikrostaates (aber mit strenger Linie) hat sich da etwas geleistet, was die Gemüter vieler Menschen erregt. Na und? Nicht das Fallaub im Herbst, so lange dauert es nicht, schon das Grün des Frühlings wird alles bedecken, und neue Probleme(???) werden die Menschheit beglücken. Ich wünsche niemanden: ‘Mögest Du in bewegten Zeiten leben.’ – Aber die Zeit in der wir leben, die ist bewegt, die wird bewegt. Selbst Wikipedia bewegt etwas. – Grüße aus dem Norden nach München. Eckard

  2. Hallo Eckard,

    freut mich natürlich, dass du den Weg hierher gefunden hast, aber ich weiß weder von welcher Vera du sprichst, noch heiße ich Margot.

    Gruß
    Sputator

  3. Hi Simon,

    davon hab ich ja noch gar nichts gehört gehabt, zum Glück lese ich ja neuerdings deinen Blog =)
    Es ist manchmal echt peinlich, was sich Zeitschriften, die Rang und Namen haben [sollten], leisten. Mir kam dabei prompt die Assoziation der Hitler-Tagebücher, auch wenn diese eine ganz andere Relevanz haben.
    Gerade in der jetzigen Zeit, die ich zur Anfertigung der Facharbeit nutze, muss ich meine Quellen wohl doppelt und dreifach prüfen, wenn man nicht mal mehr dem Spiegel vertrauen kann. Ich frage mich auch, wie so etwas passieren kann. Denn eigentlich sollte ja mindestens eine zweite Person den Artikel prüfen, bevor er ins Netz gestellt wird. Sowas wird uns bei unserer Schülerzeitung bestimmt nicht passieren :P

    Lg Basti

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