Amoklauf: Reaktion der Medien – und meine Reaktion
Es ist wieder so weit, die alteingesessenen und etablierten Medien blühen auf in ihrer Gier nach Lesern, Zuschauern, Hörern, Besuchern, je nach Darreichungsform des Inhaltes.
Beispiele:
LIVETICKER
Der Fall Tim K.
Er schoss auf die Köpfe seiner Opfer, tötete insgesamt 15 Menschen – was trieb Tim K. zur der Tat? Jetzt stellt die Polizei ihre Erkenntnisse in einer Pressekonferenz vor.
[Quelle: SpOnline]
Schließlich liefert Bild.de Namen und Foto des mutmaßlichen Täters, hat SpOn das Elternhaus in einer Klickstrecke und die Süddeutsche gleich eine ganze Biographie des jungen Mannes zur Hand.
[Quelle: Spreeblick am 11.03.2009]
Liveticker, Klickstrecke, Biographie. Ich könnte kotzen. Und um dem Ganzen gewissermaßen die Krone aufzusetzen, beschwert sich der Stern über die im eigenen Haus praktizierten Methoden:
Wenn der Pöbel gleichzeitig zum Nachrichtenempfänger und Versender wird, bleibt häufig viel auf der Strecke. So werden Suchmaschinen virtuos genutzt und Personen aufgespürt, die den gleichen Namen haben, wie der mutmaßliche Täter. Die Fotos dieser Männer, gefunden bei Xing, Facebook, Myspace und anderen sozialen Netzwerken, werden per Mail oder Twitter verschickt.
[Quelle: stern.de]
Im eigenen Haus praktiziert? Bestes Beispiel ist die Sidebar im Stern-Artikel zum Thema – sie enthält einen Live-Überblick über die aktuellen Diskussionen bei Twitter.
Diese Doppelmoral stört mich enorm. Und mindestens so sehr werden mich die Stellungnahmen von begrenzt qualifizierten und authorisierten Politikern und selbsternannten Experten stören, die in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich folgen: Wichtig ist nicht, dass sich etwas ändert, sondern dass das Volk (und potenzielle Wähler) glauben, es werde sich etwas ändern. Und das finde ich furchtbar. Wer erwartet denn ernsthaft, dass Amokläufe verhindert werden, wenn weitere Computerspiele indiziert werden und die Altersgrenze für Waffenbesitz erhöht wird? Welcher Amokläufer hatte denn eine legal erworbene eigene und auf seinen Namen registrierte Waffe? Ohne genaue Zahlen zu kennen, tippe ich auf 0%. Wer wirklich eine derartige Tat plant, lässt sich sicherlich nicht von Altersbeschränkungen aufhalten.
Und auf ein Wiederaufflammen der Killerspiel-Diskussion warte ich stündlich – erste Ergebnisse aus der Auswertung des PCs müssten doch langsam vorliegen, oder? Bin gespannt auf die wenig sachlichen, schlecht recherchierten und nicht fundierten Beiträge von ZDF, SpOnline, Bild etc. zum Thema, welches Gefahrenpotenzial virtuelle Gewalt birgt.
Apropos Gefahrenpotenzial von virtueller Gewalt: Auf Youtube ist gestern ein Video aufgetaucht, welches die letzten 45sec des Amokläufers während seiner Schießerei mit der Polizei zeigen, aufgenommen mit einem Handy. Die Medien und Nachrichtenmagazine reißen sich um dieses Video und zeigen damit reale Gewalt, verteufeln an anderer Stelle aber die Auswirkungen von virtueller Gewalt auf Kinder und Jugendliche. Jetzt erklär mir mal bitte jemand, warum reale Gewalt harmloser sein sollte als virtuelle. Doppelmoral again.
[Die Verlinkung des Videos und Quellenangabe spare ich mir hier - ich würde die Verbreitung und das Gehabe nur unterstützen, über das ich mich gerade aufrege. Wer an der Glaubwürdigkeit dieses Absatzes zweifelt, hat Pech gehabt.]
Aber zurück zu den Gesetzen, die das Gemüt des Volkes beruhigen sollen: Ich würde mich wundern, wenn sie irgendeinen tatsächlichen Effekt auf die Statistiken zu Amokläufen hätten. Denn Amokläufer fordern sadistisch und rücksichtslos Aufmerksamkeit. Und Sadisten sind nicht mit psychologischen Profilen und einem System von Gesetzen zu fassen – es gab und gibt Amokläufer in allen Kulturen, sie sind ein Phänomen der jeweiligen Gesellschaft.
Möglich, dass man gegen Amokläufe vorgehen und sie manchmal sogar verhindern kann, aber sicherlich nicht mit Altersbegrenzungen und Verboten.
Dafür viel eher, indem dieser massenmediale Aufwand verhindert wird. Denn die Aufmerksamkeit, die auf diesen Fall gelenkt wird, bestätigt potenzielle Amokläufer nur.


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